Straßenköter – Krayer Straße

Der Straßenköter – Ein Roman

Wolfgang König, der Straßenköter, führt Menschen durch das Ruhrgebiet. Nicht zu den bekannten Sehenswürdigkeiten, sondern zu unbedeutenden, vergessenen Orten: Trinkhallen, Hinterhöfen, leerstehenden Ladenlokalen und Straßen, in denen sich die Geschichten der Menschen wie Staub auf den Fassaden abgelagert haben. Auf seinen Wegen gerät er immer tiefer in ein Labyrinth aus Erinnerungen, Wahrheit und Erfindung.

Für das Buch wurden viele Recherchen durchgeführt. Besuche von Archiven, Gespräche mit Menschen, die im Ruhrgebiet leben, Foto-Sessions in den Straßen.

Der Roman beginnt mit einem Gang, Wolfgangs Königs durch die Krayer Straße in Essen.

 

Gänge durch das Ruhrgebiet

Mit einer Lüge fängt es an.
Er stand vor einem heruntergezogenen Scherengitter und schaute auf eine dahinter im Dunklen liegende Glastür. Ein Zettel weckte seine Aufmerksamkeit.›Liebe Kunden, wir sind umgezogen, unser Laden befindet sich jetzt in der neuen Adresse – Nur ein paar Meter die Straße Weiter Hoch. Mini – Kiosk‹
Genau dort kam er her, hatte aber keinen Kiosk gesehen. Das konnte einen banalen Grund haben, vielleicht hatte sich der Umzug verzögert, um wenige Tage nur oder Wochen. Wolfgang König wollte der Sache nachgehen. Aus beruflichem Interesse, später.
Warum er an einem diesigen Morgen, sonntags im November, hierhin, in diese Straße eigentlich gekommen war – Sentimentalität. Er wollte die Straße, die er früher gegangen war, um zu seinem Ferienjob zu kommen, noch einmal entlang gehen. Sehen, was aus ihr geworden war. Was aus der Straße geworden war. Was aus dem Stadtteil geworden war. Was aus seiner Vergangenheit geworden war.

Er geht weiter, ohne die Straßenseite zu wechseln. An der nächsten Ecke ein Laden, verblichene gelbe Schilder über den Schaufenstern: ›Reparatur aller Fabrikate/Fernsehtechnik‹, ›SERVICE / VERKAUF‹, ›Satellitentechnik‹, ›Radio/Farbfernseher‹, SAMSUNG, LG, SONY, Panasonic, Toshiba, Philips. Im Schaufenster eine grelle LED-Laufschrift ›LED-TV … Plasma-Fernseher … LCD-TV … LED-TV‹. Wolf überquert eine Nebenstraße, an der unten: eine Frau mit Kinderwagen, auch schon unterwegs im trüben Novembermorgen, Dunst vergraut die Farben. Vor dem Schaufenster Wolf. Dahinter: ein Radio, Loewe Opta, 70er Jahre Design, Holzoptik, Drucktasten, Wellenwahl: Langwelle, Mittelwelle, Kurzwelle, UKW. Auf dem Loewe Tischgerät steht: ein kleiner Weltempfänger, ITT Schaub Lorenz, funktional-sachlich, schwarz/weiß, Industriedesign. Skala verspricht: Bayer. Rundfunk, Holland, NWDR, Fredrikstad, Brüssel III, Monte Carlo, Graz, BBC Europa, Belgrad, Ungarn, Falun, …

Ein Haus weiter – und wieder oben Gründerzeit. Unten Geschäftsräume, komplett neu verputzt – vor über fünfzig Jahren – glatte Fassade, unverziert, voller Risse, Verwitterungsspuren, Auswaschungen, Schmutzfahnen. In den Schaufenstern Milchglasfolie, bunte Buchstaben, ›Rima’s Glückskinder – Kindertagesstätte‹, knapp über Kniehöhe Folienbild, die üblichen sechs Kinder verschiedener Ethnien mit Strich-Ärmchen, sich an den Händen haltend, fröhlich lachend in bunter Kleidung, in der Mitte die Kindergärtnerin. Glückskinder!!! Rechts vom Eingang, mit Rolladen verschlossen, ist ja Sonntag, eine weitere, gleichgroße Schaufensteröffnung, vollständig zugemauert mit Glasbausteinen. Wolf hört »Unser Land hat Zukunft, wenn alle Kinder einen guten Start ins Leben haben. Gute Kita – starke Zukunft!« Wolf denkt ›Es geht voran.‹

 

Infos zum Straßenköter

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